Die Zurückweisung der herrscherlichen Infamie

Philosoph Peter Sloterdijk schreibt auf «Spiegel Online» über Demokratien ohne Bürger und postdemokratische Verhältnisse. Die Kommunikation der aktuellen Regierung in Deutschland nennt er den «Monolog eines Autistenclubs».

Er geht in der Geschichte zurück und schreibt unter anderem zum römischen Gemeinwesen:

Peter SloterdijkWas man später Öffentlichkeit nennen wird, ist anfangs ein Epiphänomen des Bürgerzorns. Aus dem Unmut der zusammenströmenden Menge bildete sich das erste Forum. Die erste Tagesordnung umfasste nur einen einzigen Punkt: die Zurückweisung einer herrscherlichen Infamie. Aus ihrer synchronen Erregung über den zügellosen Hochmut der Machthaber lernten die einfachen Leute, dass sie von nun an Bürger heißen wollen. Der consensus, mit dem alles anfängt, was wir bis heute öffentliches Leben nennen, war die zivile Einmütigkeit hinsichtlich eines Affronts gegen die ungeschriebenen Gesetze des Anstands und des Herzens.

An der Quelle des römischen Gemeinwesengefühls stand die Unwilligkeit, die allzu krass gewordene Arroganz der Herrschenden länger zu dulden. Auch heute sehen zahllose Bürger Grund, sich über die Anmaßung der Herrschenden zu erregen. Selbst wenn die Anmaßung anonym geworden ist und sich in den sachzwanggetriebenen Systemen versteckt – die Bürger, insbesondere in ihrer Eigenschaft als Steuerzahler und als Adressaten hohler Reden vor Wahlen, spüren doch hin und wieder deutlich genug, welches Spiel mit ihnen getrieben wird.

Interessant auch die Passage über das Bezahlen von Steuern:

In keiner Hinsicht sind die Bürger unserer Hemisphäre so ausgeschaltet wie in ihrer Eigenschaft als Steuerzahler. Es ist dem modernen Staat gelungen, seinen Angehörigen im Moment ihrer materiellsten Zuwendung zum Gemeinwesen, im Augenblick ihres Einzahlens in die gemeinsame Kasse, die passivste Rolle aufzudrängen, die er zu vergeben hat: Statt die Geberqualität der Zahlenden hervorzuheben und den Gabe-Charakter von Steuern respektvoll zu betonen, belasten die modernen Fiskalstaaten ihre Steuerzahler mit der entwürdigenden Fiktion, sie hätten bei der öffentlichen Kasse massive Schulden, so hohe Schulden, dass sie dieselben nur in lebenslangen Raten tilgen können.

«Der verletzte Stolz»
(spiegel.de, Peter Sloterdijk)

Bild: hfg-karlsruhe.de

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