Die Notwendigkeit der Beteiligung der Vielen

Die dumme Masse – Portrait eines gängigen Vorurteils

Gastbeitrag von
Stefan Haug
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Die dumme, ahnungslose und leicht manipulierbare Masse ist empfänglich für die Proganda von Demagogen, Hasspredigern, Aufwieglern und überhaupt für alle möglichen schädlichen Elemente der Gesellschaft. Deshalb ist die Masse von der direkten Einflussnahme auf politische Entscheidungen fernzuhalten. Nicht nur, weil deren Beteiligung ineffektiv, sondern darüber hinaus sogar noch gefährlich ist.

Folglich, so geht dieser Argumentationsstrang weiter, ist es besser Entscheidungen in die Hände von Experten zu legen, in die Hände von sachkundigen Repräsentanten des ‹eigentlichen Willen› des Volkes. Ein Teil dieser Experten besteht aus Beamten, die aufgrund ihrer fachlichen Qualifikation in ein Amt berufen werden. Ein weiterer Teil qualifiziert sich durch die Erfüllung von anderen Kriterien, von Parteien festgelegt, über die sogenannten Listenplätze. Theoretisch besteht auch die Möglichkeit, sich mit einer Handvoll Mitstreitern an den etablierten Parteien vorbei direkt als Volksvertreter, sprich Politikexperte, auserwählen zu lassen. Die Repräsentanten der Masse, so die unmittelbare Unterstellung, sind dann nicht mehr empfänglich für Propaganda, monetäre Sonderanreize und andere schädlichen Einflüsse. Außerdem haben sie ja ihre Expertise, ihre in allen Belangen überlegene Entscheidungskompetenz, in einem speziellen und über lange Jahre erprobten Verfahren unter Beweis, sich einer Wahl, gestellt.

Demonstration von Parkschützern gegen Stuttgart21
Bild: Jalal Maqdisi unter cc-by

Wann wissen Experten mehr als die Vielen, wann nicht?

Was ist die Lösung der Rechenaufgabe 2 + 5 ? In diesem Fall ist es natürlich am besten einen Experten, zum Beispiel einen Zweitklässer, zu befragen. Der Zweitklässler wird uns die richtige Antwort geben, nämlich 7. Eine Bundesweite Volksbefragung (das arithmetische Mittel der Ergebnisse von 80 Mio Menschen) würde hingegen nur ein Ergebnis von ungefähr 7 liefern, also z.B. 7,01 oder irgendetwas in der Art. Das wäre kein schlechtes Ergebnis, aber der Experte, also der Zweitklässler, ist besser und damit besser als die gesamte Bundesrepublik Deutschland!

Was ist aber, wenn die Frage schwieriger wird? Was ist zum Beispiel mit der Frage: Wer gewinnt die nächste Bundestagswahl? Der Zweitklässler ist überfordert. Bestenfalls mit Glück, kann er die richtige Antwort erraten. Doch was ist mit dem Experten bezüglich dieser Frage, dem Wahlforscher? Kennt er die richtige Antwort? Er kennt sie nicht. Vielleicht hat er eine bessere Chance als der Zweitklässler, richtig zu raten. Zum Beispiel weiß er aus Erfahrung, dass die Grünen noch nie gewonnen haben und CDU und SPD als einzige Parteien schon öfter. Also wird er sich für eine von beiden entscheiden. Obwohl er deutlich öfter als der Zweitklässler richtig raten wird, kann auch er sich nie ganz sicher sein. Es gibt keine Formel mit der er das Ergebnis zuverlässig berechnen kann, weil zu viele Faktoren eine Rolle spielen. Deshalb macht der Wahlforscher eine repräsentative Umfrage. Repräsentativ unter anderem deswegen, weil er weiß, dass er ein schlechtes Ergebnis erhält, wenn er beispielsweise nur kinderlose weibliche Bilanzbuchhalter im Alter von 35 befragt. Er weiß, dass bei schwierigen Fragen – Zukunftsvorhersagen sind immer schwierig – 1000 Bürger mehr wissen als er allein.

Wir halten fest: Die Vielen wissen mehr als der Experte,

  • wenn die Frage zu komplex ist, als dass er sie zuverlässig beantworten könnte (Komplexitätsbedingung),
  • wenn sie unterschiedliche Dinge aus unterschiedlichen Quellen wissen (Diversitätsbedingung),
  • wenn sie wenigstens in Ansätzen verstehen, worum es geht (Kompetenzbedingung).

Was heißt das für Stuttgart 21?

Die Kompetenzbedingung ist erfüllt: Jeder ist schon mal Zug gefahren. Jeder kann grob den Nutzen des jetzigen und des künftigen Parks vergleichen. Jeder weiß, was ein Bahnhof ist und jeder weiß, dass 7 Milliarden Euro eine Menge Geld ist.

Die Diversitätsbedingung ist erfüllt: Die Bürger verfügen über die unterschiedlichsten Wissenshintergründe und Zugänge zum Thema. Einige sehen den Denkmalschutz, einige die Mineralquellen, den Juchtenkäfer, die Röhre, die Bauzeit, die technische Machbarkeit, den Nutzen für die Region, den Filz in der Stuttgarter Politik, den Nutzen der frei werdenden Fläche, usw.

Die Komplexitätsbedingung ist erfüllt: Kein Experte, aber wirklich und garantiert keiner, hat eine Formel, die ihm eine zuverlässige Vorhersage über Nutzen und Schaden dieses Projekts unter Einbeziehung aller Faktoren ermöglicht. In diesem Fall ist also klar: Die breite Masse der Bürger weiß in ihrer Gesamtheit mehr als ihre Volksvertreter und sämtliche Experten.

Eine Bürgerbefragung zu Stuttgart 21 ist somit keinesfalls eine anmaßende Forderung aufmüpfiger Projektgegner, sondern eine Notwendigkeit im Dienst von Effizienz und Gemeinwohl.

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