Zur «Schiissi» Nagelhaus in Zürich

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» fragte am Samstag:

Darf ein Volksentscheid Kunst verhindern?

Offenbar ja:

Letzte Ruhe für das "Nagelhaus"

Der Autor des FAZ-Artikels, Peter Geimer, ist Professor für Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin. Und hat ein, sagen wir mal, besonderes Demokratieverständnis, wenn es um Kunst geht:

Eine Gesellschaft, die sich darauf geeinigt hat, Kunst als integralen Teil ihrer Kultur zu akzeptieren, kann diese Akzeptanz nicht bei Bedarf aus den Angeln heben, die Arbeit von Jurys annullieren und Kunst mal durchwinken, mal im Kollektiv zu Fall bringen. Künstlerische Projekte, ganz gleich, ob man sie im Einzelfall schätzt oder nicht, lassen sich nicht taxieren wie eine lokale Umgehungsstraße oder ein Flächennutzungsplan.

Das sehen die Zürcher Stimmbürger offenbar anders. Sie lehnten den Objektkredit von 5.9 Millionen Franken, den die Stadt Zürich nach einem Referendum der SVP bei ihnen beantragte, mehrheitlich ab. Details zum Projekt auf stadt-zuerich.ch (Abstimmungszeitung als PDF-Datei, 14 Seiten, 1 MB).

5.9 Mio. für e Schiissi!Es stimmt, die Wahlplakate, die aus dem Projekt von Caruso St John und Thomas Demand eine goldene Toilette («Schiissi» = «Toilette») machten, haben es nicht angemessen abgebildet. Peter Geimer schreibt:

Das Plakat der SVP zeigt eine goldene Kloschüssel mit Namen „Nagelhaus“, darüber die Aufschrift: „5,9 Mio. für e Schiissi!“ – sinngemäß vermutlich: „Dieses Projekt ist teure Scheiße.“ Damit hat die SVP die Auseinandersetzung um zeitgenössische Kunst auf ein Niveau verfrachtet, aus dem es die Befürworter des Projekts in ihren Gegenkampagnen jetzt mühsam wieder herausbringen müssen.

Und? Ich weiss nicht, was Peter Geimer erwartet. Dass ein Grossteil der Bevölkerung sich darum reisst, zeitgenössische Kunst zu finanzieren? Das Niveau auf Wahlplakaten ist im Übrigen auch in der repräsentativen Demokratie oft zweifelhaft (ich erinnere an grinsende, mit austauschbaren Buzzwords versehene Köpfe).

Ich liebe Kunst in fast allen Formen. Aber ich erwarte doch nicht von meinen Mitbürgern, dass sie das alle auch tun. Und dann auch noch bereit sind, sie mit Millionen zu finanzieren. (Mit fast 60 Prozent Nein-Stimmen am deutlichsten war die Ablehnung übrigens im Stadtteil Schwamendingen, der einen hohen Ausländeranteil aufweist und in dem generell eher tiefe Einkommen beheimatet sind.)

Ich glaube nicht, dass die Zürcher Stimmbürger kunstfeindlich sind oder die Arbeit der Jury nicht wertschätzten. Sie wollten das Projekt einfach nicht selbst bezahlen. Vielleicht findet sich ein privater Investor, der bereit ist, das Projekt zu finanzieren und alles kommt zu einem guten Ende?

Siehe dazu auch:

«FAZ kritisiert Schweizer Abstimmung»
(bazonline.ch, rb)

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