Die Alleskönner

Wenn Medien, Politiker und eine Naturkatastrophe aufeinandertreffen.

In diesen Tagen kämpfen Menschen vieler Weltregionen gegen Extremzustände in der Natur. Von den Medien beachtet werden immer nur eine Handvoll, so im Moment die Flutkatastrophen in Pakistan und im Dreiländereck Tschechien, Polen und Deutschland. Die Ölverschmutzungen in den USA und in China. Oder die Waldbrände in Russland.

Rauch in Moskau (Bild: CC Flickr/belenko)

Die Ausschnitte des russischen Fernsehens, die der ARD-»Weltspiegel» gestern sendete, sind sehenswert. Sie zeigen, wie sich Exponenten der russischen Regierungsspitze als unerschrockene Soforthelfer inszenieren:

«Aus aktuellem Anlass zu den anhaltenden Bränden in Russland»
(ardmediathek.de, Video, 3:28 Minuten)

Über das fingierte Telefongespräch von Ministerpräsident Wladimir Putin mit Präsident Dmitri Medwedew kann man nur noch den Kopf schütteln: Was für ein Theater!

Wladimir Putin am Telefon (Screenshot ardmediathek.de)

Dmitri Medwedew am Telefon (Screenshot ardmediathek.de)

Putin sagt in die Fernsehkameras, während sich «das Volk» um ihn schart:

Laut Gesetz gibt es für jede Familie 50′000 Rubel vom Staat. Viel zu wenig. Wir zahlen das Doppelte! Und zwar pro Person! Und die Region muss auch noch was drauftun …

So spricht also ein Ministerpräsident über den Staat? Als hätte er damit gar nichts zu tun?

Zum Vergleich: 100′000 russische Rubel entsprechen 2500 Euro. Das durchschnittliche Monatseinkommen dagegen beträgt rund 15′000 russische Rubel (380 Euro). Putin verspricht also jedem Betroffenen mehr als ein durchschnittliches Halbjahreseinkommen.

So weit weg sind aber auch hiesige Politiker nicht von solcher Symbolpolitik. Gerhard Schröder beispielsweise verband Flutkatastrophe und Wahlkampf miteinander. Andere Beispiele gibt es zuhauf.

Spitzt sich eine Krisensituation zu, spielt sich immer das Gleiche ab. Die Medien fordern, dass der Politiker vor Ort ist, damit dieser dann, wie uninformiert oder unberührt er auch immer ist, Statements abgeben kann. Wer nicht sofort seinen Urlaub oder seine sonstigen Tätigkeiten abbricht, wird von den Medien in aller Regel als verantwortungsloser Unmensch dargestellt.

Dabei bringt es, in Spenden umgemünzte Aufmerksamkeit ausgenommen, überhaupt gar nichts, wenn ein Spitzenpolitiker vor Ort ist. Er steht mit dem ihn begleitenden Medientross vor allem im Weg rum und zieht mit seiner Anwesenheit Energie ab, die für die Hilfe aufgewendet werden könnte.

Ich möchte keinem Politiker unterstellen, dass er Anteilnahme nur vorspielt. Aber da gerade in Spitzenpositionen fast täglich mit Bestürzung auf irgendwelche aktuellen oder vergangenen Ereignisse reagiert wird, werden die Aussagen nur schon durch ihre Häufigkeit unglaubwürdig.

Wir wissen es alle: Auch Politiker sind nur Menschen. Keine Supermenschen. Keine Alleskönner. Warum also werden uns Politiker immer wieder präsentiert, als wären sie welche? Und wieso spielen die Medien das Spiel mit?

Ich brauche keine Politiker, die den starken August spielen. Ich wünsche mir von Staatsbeamten bei Katastrophen eine zurückhaltende, ergebnisorientierte Organisation. Und eine sachliche Information der Medien. Keine Katastropheneinsatzshow.

Bild 1: Flickr/belenko, CC BY-Lizenz.
Bild 2 und 3: Screenshots ardmediathek.de.

Nachtrag, 13. August 2010: Die übertriebene Präsenz der russischen Regierung muss man auch im Zusammenhang mit dem Untergang der Kursk vor zehn Jahren sehen. Damals verschanzte sich die Führung und meldete sich erst zu Wort, als jegliche Hilfe zu spät kam.

Lesenswert zum Thema ritualisierte Trauer ist der Artikel «Cut & Paste-Trauer» von Katrin Sandmann, der sich mit den Betroffenheitsschreiben von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon auseinandersetzt.

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